Technologische Einflüsse auf die elektronische Musik

Elektronische Musik ist ohne die Erfindung des Synthesizers nicht denkbar. Dies zeigt z. B. im Detail die Kompilation „Deutsche Elektronische Musik. Experimental German Rock and Electronic Music”. Auf die technischen Hintergründe soll hier etwas näher eingegangen werden.
Entwickelt wurde der Synthesizer von Robert Moog in den 1960er Jahren. Analoge Synthesizer wie der Moog Modular, der Minimoog und – vor allem in Deutschland – der PPG Modular eröffneten den Musikern eine breite Klangpalette. Zum Synthesizer alternative Technologien basierten auf dem Tonband. Die Chororgel (Popol Vuh) funktionierte wie ein Mellotron, bei dem die Töne von Tonbandschleifen abgespielt werden. Der Beuys-Schüler Conrad Schnitzler experimentierte mit preisgünstigen Kassettenrekordern. Er entwickelte das Konzept des Kassettenkonzerts. Dabei spielte er seine elektronischen Klänge von acht verschiedenen Kassettenspielern ab, die eine so genannte Kassettenorgel bildeten.
Die analogen Synthesizer wurden weiterentwickelt. Der Trend ging in Richtung digitaler Klangerzeugung. Die in Deutschland entwickelte Wavetable-Synthese ermöglichte eine gegenüber analogen Synthesizern erweiterte Klangvielfalt. Der PPG Wavecomputer 360 (1978) war bereits vollständig digital aufgebaut und mehrstimmig spielbar. Erfolgreich war der PPG Wave 2.2 (1982), bei dem die Oszillatoren digital und die Filter analog aufgebaut waren.
Der von Yamaha entwickelte DX7 (1983) war der erste kommerziell erfolgreiche digitale Synthesizer. Anfang der 1980er Jahre erlaubte die Sampling-Technologie die Reproduktion und Rekombination von zuvor digital aufgezeichnetem Klangmaterial. Auch der Gebrauch des Computers zur Erstellung und Speicherung von Tonsequenzen (Sequencer) war jetzt möglich. Die heute allgegenwärtige Computerisierung der Musikproduktion nahm in dieser Zeit ihren Anfang.
Analog
Der Track „La Chasse Aux Microbes“ von Michael Bundt ist auf dem Album „Just Landed Cosmic Kid“ von 1977 erschienen (Asylum Records). In den Liner Notes sind als Synthesizer der Minimoog und ein PPG Modul angegeben. Hier ist vermutlich der PPG Modular Synthesizer gemeint. Außerdem werden Synthetic Strings erwähnt.
PPG (Palm Products Germany) wurde im Jahr 1975 von Wolfgang Palm gegründet, der zunächst Moog-kompatible Modularsynthesizer baute. Später entwickelte er die Wavetable-Synthese.
Der PPG Modular wurde im Jahr 1975 hergestellt und war ein deutsches Pendant zum Moog Synthesizer. Er enthielt auch einen analogen Sequencer. Damit war es möglich, kurze, sich wiederholende Tonfolgen zu erstellen.
Das am Anfang des Tracks hörbare repetitive Motiv wird möglicherweise vom PPG Modular und dessen analogem Sequencer generiert. Der Minimoog wird live dazu gespielt. Der Halleffekt könnte von einem Tape-Echo erzeugt worden sein. Dieses Gerät enthält eine Tonbandschleife mit einem Aufnahmekopf und mehreren Tonköpfen. Der Aufnahmekopf und die nachgeschalteten Tonköpfe werden von dem Tonband zu unterschiedlichen Zeiten passiert. Dadurch entsteht die zeitliche Verzögerung.
Tonband
Der Track „Aguirre 1“ von „Popol Vuh“ ist als Filmmusik für Werner Herzogs Film „Aguirre, Der Zorn Gottes“ (1972) entstanden. Florian Fricke spielt darauf die so genannte Chororgel, ein „großes selbstgebautes Mellotron“ (John Weinzierl). Jeder einzelne Ton wurde zuvor von einem Chor eingesungen und auf eine Tonbandschleife aufgenommen. „Die Orgel hatte 4 Manuale, Streicher, Mandolinen, Chöre und undifferenzierbare Underground Sounds“ (Olaf Kübler). Für den Film arbeitete Fricke mit Herbert Prasch, einem Münchner Toningenieur, zusammen. Dieser hatte bereits an mehreren Filmen von Werner Herzog mitgearbeitet. Auf dem vorliegenden Track ist außer der Chororgel noch ein Moog Synthesizer zu hören.
Der Jazz Keyboarder Jimmy Jackson hat mit der Chororgel den Klang von vielen deutschen Bands beeinflusst. Er spielte mit Bands wie „Embryo“, „Amon Düül II“ (Tanz der Lemminge, 1971), Eddie Taylor und „Haboob“. Für das „Amon Düül II“ Album „Wolf City“ (1972) spielte er als Gastmusiker die Chororgel und das Piano. Er hat auch zu „Tangerine Dreams“ Debütalbum „Electronic Meditation“ (1970) maßgeblich beigetragen. 1971 spielte er Orgel für Klaus Doldingers Passport Formation. Auf dem Album „Stinker“ (1981) von Marius Müller-Westernhagen hört man ihn am Piano, an der Hammond-Orgel, Farfisa und Percussion. Er begleitete Westernhagen auf dessen gleichnamiger Tour.
Digital
Der Titel „No Man’s Land“ von „Tangerine Dream“ ist auf dem Album „Hyperborea“ (1983) erschienen. Er ist zu einer Zeit entstanden, als die ersten digitalen Synthesizer verfügbar waren. Ein Foto des Studios von 1982 zeigt unter anderem die Wavetable-basierten Synthesizer PPG Wave 2.0 und PPG Wave 2.2. Auch die Sampling-Technologie kam auf dem vorliegenden Track zum Einsatz. Der PPG Waveterm war einer der ersten professionellen Sampler. Johannes Schmoelling erinnert sich: „Wie Logos Live war Hyperborea von der neuen Generation digitaler Synthesizer und der Sampling-Technologie bestimmt. Wir konnten Klänge abspeichern und verwendeten viele gesampelten Drumsounds. Wir erfanden auch neue rhythmische Strukturen, indem wir eine spezielle Arpeggio-Technik nutzten.“ Edgar Froese erinnert sich: „Auf „No Man’s Land“ nutzten wir erstmalig den Waveterm Computer als digitalen Sequencer. Das Ergebnis hat uns wirklich überrascht, besonders in Bezug auf die Stimmung und die Bearbeitung.“
Ohne diese technischen Entwicklungen wäre der Sound in der elektronischen Musik nicht möglich gewesen.

Wir werden an dieser Stelle der Verbindung von Sound und technischer Entwicklung der Musikinstrumente weiter nachgehen.

Erschienen in Hörerlebnis – Das Magazin Für High Fidelity – Ausgabe 75

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