Jenseits von House

Der Eingang zum Berghain ist nicht leicht zu finden. Es liegt in einer weitläufigen Brachlandschaft an der Grenze zwischen Kreuzberg und Friedrichshain, daher der Name. Unterwegs treffe ich auf eine Gruppe von Jugendlichen aus London, die den Weg dorthin nicht finden. Sie sind im Urlaub und bereits etwas angetrunken. Ich habe die Gegend schon bei Tageslicht erkundet, daher kann ich ihnen den Weg zeigen. Das wird wohlwollend anerkannt. Es ist nicht mehr weit.

Die Schlange vor dem Berghain ist lang. Die Londoner – genaugenommen kommen sie aus Brighton – kennen andere Jugendliche etwas weiter vorn in der Schlange. Wir mischen uns dazwischen. Vor uns stehen ein paar blonde Mädels aus Australien. Sie sehen aus als seien sie noch minderjährig. Sie haben Alkohol dabei und lassen sich fotografieren.

Der Türsteher sieht aus als würde er kleine Kinder essen. Er trägt viel Metall im Gesicht. Zwei jüngere Mädels aus unserer Gruppe werden abgewiesen. Mir als Einzelperson wird der Zutritt gewährt. Die Zutrittskriterien sind undurchsichtig.

Das Berghain ist ein ehemaliges Kraftwerk mit 18 Meter hohen Decken. Der Innenraum ist von Metall und Beton geprägt. Hier finden regelmäßig Techno-Events statt.

Dopplereffekt bieten dem Publikum eine audio-visuelle Show. Ein Beamer strahlt Motive aus der Wissenschaft an die Betonwand: Teilchenbeschleuniger, Higgs-Boson, Diagramme und Versuchsanordnungen. Die Musik dazu ist repetitiv, mit Synthesizer-Arpeggien. Das ganze ähnelt einer Lehrveranstaltung. Trotz ein paar Längen sind die Gäste begeistert.

Als Luke Vibert ein paar Tracks von Aphex Twin spielt (oder sind es seine eigenen?) wird klar: Spätestens jetzt hat sich die Anreise gelohnt. Die rasend schnellen Drum-Loops versetzen das Publikum in Ekstase. Die Musik klingt neu und unverbraucht, mit herkömmlichem Techno hat das eigentlich nichts mehr zu tun. Trotzdem lässt es sich gut dazu tanzen. Definitiv der Höhepunkt des Abends.

Nach seinem Auftritt beantwortet Luke Vibert noch ein paar Fragen aus dem Publikum. Er scheint sehr freundlich und zurückhaltend zu sein. Ich empfinde eine gewisse Ehrfurcht, was sicher auch an seiner Nähe zu Aphex Twin alias Richard D. James liegt.

Wisp gelingt es, die Spannung aufrecht zu erhalten. Die musikalische Nähe zu Aphex Twin ist auch bei ihm klar erkennbar. Rasende Breakbeats und dröhnende Bässe sind sein Erfolgsrezept. Es gibt also doch noch etwas jenseits von House und Four-to-the-floor.

Rephlex überzeugt durch talentierte und hoch motivierte Künstler mit einem unglaublichen kreativen Output. Auch wenn Richard D. James, einer der Väter des Labels,  an diesem Abend abwesend war, sein musikalisches Erbe war heute erlebbar.

Spex: Rephlex Records feiern in Zürich und Berlin, Dial-Nacht im Parallelbetrieb

Schlagwörter:

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: