Archive for September 2010

Jenseits von House

September 20, 2010

Der Eingang zum Berghain ist nicht leicht zu finden. Es liegt in einer weitläufigen Brachlandschaft an der Grenze zwischen Kreuzberg und Friedrichshain, daher der Name. Unterwegs treffe ich auf eine Gruppe von Jugendlichen aus London, die den Weg dorthin nicht finden. Sie sind im Urlaub und bereits etwas angetrunken. Ich habe die Gegend schon bei Tageslicht erkundet, daher kann ich ihnen den Weg zeigen. Das wird wohlwollend anerkannt. Es ist nicht mehr weit.

Die Schlange vor dem Berghain ist lang. Die Londoner – genaugenommen kommen sie aus Brighton – kennen andere Jugendliche etwas weiter vorn in der Schlange. Wir mischen uns dazwischen. Vor uns stehen ein paar blonde Mädels aus Australien. Sie sehen aus als seien sie noch minderjährig. Sie haben Alkohol dabei und lassen sich fotografieren.

Der Türsteher sieht aus als würde er kleine Kinder essen. Er trägt viel Metall im Gesicht. Zwei jüngere Mädels aus unserer Gruppe werden abgewiesen. Mir als Einzelperson wird der Zutritt gewährt. Die Zutrittskriterien sind undurchsichtig.

Das Berghain ist ein ehemaliges Kraftwerk mit 18 Meter hohen Decken. Der Innenraum ist von Metall und Beton geprägt. Hier finden regelmäßig Techno-Events statt.

Dopplereffekt bieten dem Publikum eine audio-visuelle Show. Ein Beamer strahlt Motive aus der Wissenschaft an die Betonwand: Teilchenbeschleuniger, Higgs-Boson, Diagramme und Versuchsanordnungen. Die Musik dazu ist repetitiv, mit Synthesizer-Arpeggien. Das ganze ähnelt einer Lehrveranstaltung. Trotz ein paar Längen sind die Gäste begeistert.

Als Luke Vibert ein paar Tracks von Aphex Twin spielt (oder sind es seine eigenen?) wird klar: Spätestens jetzt hat sich die Anreise gelohnt. Die rasend schnellen Drum-Loops versetzen das Publikum in Ekstase. Die Musik klingt neu und unverbraucht, mit herkömmlichem Techno hat das eigentlich nichts mehr zu tun. Trotzdem lässt es sich gut dazu tanzen. Definitiv der Höhepunkt des Abends.

Nach seinem Auftritt beantwortet Luke Vibert noch ein paar Fragen aus dem Publikum. Er scheint sehr freundlich und zurückhaltend zu sein. Ich empfinde eine gewisse Ehrfurcht, was sicher auch an seiner Nähe zu Aphex Twin alias Richard D. James liegt.

Wisp gelingt es, die Spannung aufrecht zu erhalten. Die musikalische Nähe zu Aphex Twin ist auch bei ihm klar erkennbar. Rasende Breakbeats und dröhnende Bässe sind sein Erfolgsrezept. Es gibt also doch noch etwas jenseits von House und Four-to-the-floor.

Rephlex überzeugt durch talentierte und hoch motivierte Künstler mit einem unglaublichen kreativen Output. Auch wenn Richard D. James, einer der Väter des Labels,  an diesem Abend abwesend war, sein musikalisches Erbe war heute erlebbar.

Spex: Rephlex Records feiern in Zürich und Berlin, Dial-Nacht im Parallelbetrieb

Mein erstes Mal SEMF

September 5, 2010

Das Stuttgart Electronic Music Festival (SEMF) findet in diesem Jahr im Eisstadion Esslingen auf der Neckarinsel statt. Das überdachte und zu den Seiten hin offene Eisstadion bietet Schutz vor Regen. Doch das ist an diesem sonnigen Samstagnachmittag nicht von Bedeutung.

Die Anreise mit der S-Bahn ist unproblematisch. Als Besitzer eines VVS-Zeittickets kann man sich sogar die Fahrtkosten sparen. An allen Wochenenden im September kann man damit netzweit fahren. Der Weg zur Neckarinsel ist ausreichend beschildert. An der Fußgängerbrücke über den Neckar untersucht das Sicherheitspersonal den Inhalt von Taschen der Gäste. Am Eingang des Eisstadions werde ich einem Bodycheck unterzogen.

Gegen 15 Uhr ist die Tanzfläche noch relativ leer. Rework heißt die erste Musikgruppe, bestehend aus DJ, Gitarre und Gesang. Die Sängerin zeigt sich engagiert, trifft aber manchmal die Töne nicht ganz, was aber kaum auffällt. Der nächste Act, RAM, kombiniert afrikanische Stammesgesänge mit Technobeats. Moonbootica präsentiert soliden House, die Tanzfläche füllt sich schnell. Auch der VIP-Bereich ist inzwischen gut gefüllt. Eine etwa 3 mal 10 Meter große LED-Wand weist auf die Namen der Künstler hin und untermalt die Klänge mit Animationen.

Ärgerlich sind die recht hohen Getränkepreise. Vier Euro für ein Bier plus zwei Euro Pfand für den Plastikbecher machen den kommerziellen Charakter dieser Veranstaltung deutlich. Die Rote im Brötchen ist mit drei Euro zwar günstig, doch geschmacklich verbesserungswürdig.

Tiefschwarz sind wohl der bekannteste Act an diesem Abend. Nach Sonnenuntergang wird auch optisch etwas geboten. Die gelben Scanner setzen sich in Bewegung und erleuchten den künstlichen Nebel. Auf der LED-Wand ist das stilisierte Stuttgarter Pferd zu sehen.

Das Maskottchen des SEMF, Dundu, ist eine überlebensgroße Puppe aus Drahtgeflecht. Sie wird von drei Puppenspielern bewegt. Die Figur bewegt sich durch die tanzende Menge und zieht die Blicke auf sich. Dundu, erklärt mir einer der Puppenspieler, das bedeutet „Du bist du!“.

Für erschöpfte Raver stehen an den Seiten des Eisstadions Bänke bereit, von denen man die Tanzfläche gut überblicken kann. Mein Sitznachbar beschreibt das Techno-Phänomen so: „Die Techno-Generation ist die Hippiegeneration der Neuzeit“, sagt er. „Wie sieht das in 50 Jahren aus? Die Leute leben wahrscheinlich gar nicht mehr. Techno ist ursprünglich, der Herzschlag, der Energie vermittelt. Beim Techno geht es um Euphorie, um Emotionen, die Sehnsucht nach Emotionen, das Hochgefühl. Der Alltagsschrott wird zurückgelassen. Über die rhythmische Bewegung entsteht eine gewisse Befreiung.“