Transzendent

Das Esbjörn Svensson Trio (e.s.t) ist bekannt durch Kompositionen an der Schnittstelle zwischen Pop und Jazz. Das Album Leucocyte ist das letzte Album des Trios. Esbjörn Svensson verunglückte am 14. Juni 2008 tödlich beim Tauchen im Stockholmer Schärenhof.

Der erste Track, Decade, stellt eine melodische und verhaltene Einleitung dar, vom Stil her minimalistisch. Darauf folgt der längste Track auf dem Album, Premonition. Der Akustikbass beginnt mit der Einleitung. Der Charakter ist rhytmisch pulsierend, ein Herzschlag, ein Puls. Das Piano mit Delay Effekt spielt dazu gesangliche Phrasen. Der Track ist progressiv vom Aufbau, die Intensität und Lautstärke werden mit der Zeit gesteigert. Zwischen Piano und Akustikbass entwickelt sich ein musikalischer Wettstreit, die Harmonik ist dagegen eher statisch (Orgelpunkt). Mit der Zeit gewinnt das Schlagzeug an Intensität, die Snare-Drum imitiert Schüsse aus einem Schnellfeuergewehr. Dieses Motiv wird über längere Zeit fortgeführt (nervt).

Der nächste Track liefert ein ruhiges und traumhaftes Thema. Kalte digitale Effekte begleiten das gehaltene Piano. Verfremdete, verzerrte Effekt-Klänge brechen in den Wohlklang des Trios aus Piano, Bass und Schlagzeug ein.

Beim nächsten Track bilden pfeifende und klirrende Effekte den Auftakt, dann blendet sich „klassischer Swing“ ein. Gesangliche Linien werden hörbar mitgesungen. Das Piano bricht aus mit Phrasen in unglaublichem Tempo. Der Ausklang ist dann eher geheimnisvoll.

Still beginnt mit Effekten, die sich wie Tierstimmen anhören. Das Piano ist mit deutlichem Effekt versehen. Der Charakter ist ruhig, zurückhaltend und traumhaft. Das Piano spielt offene Akkorde im Diskant, kalt, metallisch aber mit dichter Harmonik. Die Effekte und Hall schaffen einen irrealen, traumhaften Klang. Die Stimmung wird mit der Zeit ruhiger, gelöster, selig. Für mich einer der Höhepunkte auf dem Album.

Im nächsten Track spielt das Piano einen sehr einfach gesetzten Zwischensatz.

Leucocyte, der Titeltrack des Albums, besteht aus vier Teilen. Im ersten Teil, Ab Initio, beginnen Bass und Schlagzeug, begleitet von intensiven und dissonanten Effekten. Man hat den Eindruck von einem brodelnden Kessel. Der folgende Teil, Ad Interim, besteht aus einer Minute Stille und trennt den ersten Teil von den folgenden Teilen.

Der nächste Teil beginnt mit dem Bass in hohen Lagen, dazu das Piano mit schepperndem, digitalen Effekt, das langsame Triller spielt. Dazu erklingt eine verfremdete, instrumentale Stimme. Das alles klingt sehr künstlich. Es gibt rhythmische und tonale Klanganteile. Die tonale Basis löst sich immer weiter auf. Es entsteht ein sehr experimenteller Eindruck. Zerfall, Divergenz, ein alptraumhafter Trip.

Tonale Aspekte setzen sich langsam durch, zwar noch gegeneinander verstimmt, dann aber stellt sich ein atmosphärischer Klang ein, strukturiert durch kurze Piano-Motive, ein dichtes, atmosphärisches Klanggefüge. Struktur tritt langsam an die Stelle der Unordnung, Ordnung durchbricht das Chaos. Diese Wandlung stellt meiner Meinung nach den kompositorischen Höhepunkt des Albums dar, ein fremdartiger Schönklang, der den Titel Ad Mortem trägt. Hier entsteht etwas Neues, der Begriff Transzendenz drängt sich auf.

Die Dualität aus Dissonanz und Wohlklang, welche ein zentrales Konzept von Leucocyte zu sein scheint, spielt auch im Credo des estnischen Komponisten Arvo Pärt eine große Rolle. Pärt stellt die traditionelle (tonale) Kompositionstechnik der atonalen Zwölftonmusik gegenüber. Symbolisch stehen diese Gegensätze für Chaos und Ordnung, Religiosität und Atheismus.

Ad Infinitum bildet den effektvollen Ausklang des vorangegangenen Themas. Die traumhafte Klangkulisse wird hier noch für einen Augenblick angehalten, der Eindruck ist jedoch ein statischer, welcher das Unendliche treffend beschreibt.

e.s.t. Esbjörn Svensson Trio
Leucocyte
ACT 9018-2
2008

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: