Pauschalreise

Dieses Jahr werde ich eine Pauschalreise buchen. Ich fahre zum Stuttgarter Flughafen und lasse mich beraten. Mein ursprüngliches Wunschziel war Madeira (viele Rentner, viele Blumen, schön zum Wandern, gehört zu Portugal). Doch schließlich entschied ich mich für eine Reise nach Tunesien. Eine Woche im Vier Sterne Hotel, alles inklusive, Flug mit TUI von Stuttgart nach Monastir. FTI ist der Veranstalter. Gleich bezahlt mit der Kreditkarte (593 Euro). Zurück vom Flughafen suche ich im Internet nach Hotelbewertungen. Das Fazit für mein Hotel, Skanes El Hana, ist katastrophal: schlechtes Essen, verwohnte Zimmer, unfreundliches Personal, und das: All Inclusive Gäste werden wie Gäste zweiter Klasse behandelt. Ich will die Reise sofort wieder stornieren. Suche nach den üblichen Stornogebühren im Internet, es sind etwa 55 Prozent. Fahre zum Flughafen, doch es sind leider 75 Prozent (AGBs von FTI). Jetzt habe ich die Schnauze voll, aber ich werde die Reise antreten (jeder testet).

Vor Ort

Nach der Ankunft am Flughafen von Monastir gibt es eine kleine Verzögerung bei der Passkontrolle. Der Grenzbeamte vor mir hat offenbar einen Bekannten getroffen und unterhält sich ausdauernd mit diesem. Ich bin bemüht, der Situation mit der nötigen Gelassenheit zu begegnen. Doch das gelingt nicht jedem der Mitreisenden. Der deutsch sprechende Mensch hinter mir beschwert sich lautstark über die Verzögerung und beruhigt sich auch nicht mehr so schnell. Sein Kopf beginnt langsam rot anzulaufen. Mir tun schon all die Leute leid, auf die er während seines Urlaubs treffen wird. Wäre er doch zuhause geblieben in seiner Gartenlaube.

Die Zimmer im Hotel sind wirklich schäbig, aber es gibt eine Klimaanlage, die ist zwar laut, aber immerhin effektiv. Ich studiere das Ausflugsprogramm aber mich reizt keine der angebotenen Veranstaltungen. Mittags mache ich erst einmal Siesta und gehe erst am späten Nachmittag aus dem kühlen Zimmer in die tropische Hitze. Dieser Rhythmus wird sich in den nächsten Tagen so einpendeln.

Ich versuche etwas Routine in meinen Tagesablauf zu bringen. Das gibt mir Sicherheit im Unbekannten. Um 9 Uhr stehe ich auf, dusche, dann gibt es Frühstück. Auf Wurst, Speck und Eier verzichte ich gern und setze lieber auf verschiedene Variationen von Weißbrot (Toast, Baguette, etc.). Dazu Aprikosenmarmelade mit Butter und eine Art Schwarztee (vermutlich). Der Kaffee ist sehr bitter, daher bleibe ich beim Tee. Infusion entpuppt sich als eine Art britischer Früchtetee, dadurch schmeckt es aber auch nicht besser. Bis zum Mittagessen lese ich auf dem Balkon meines Hotelzimmers (Meerblick) verschiedene Bücher die ich mir mitgebracht habe. Zum Mittagessen gibt es Salat, Weiß- und Rotkraut, Eier, Oliven, Kartoffelsalat, dazu Reste vom Vortag (Reis mit Huhn). Die Hauptspeisen sind ausnahmslos sehr ölig, an Kaloriensparen ist hier nicht zu denken. Den vielen Russen und Polen scheint es jedoch zu schmecken, denn sie laden sich die Teller ordentlich voll. In den nächsten Tagen wird sich zeigen, dass man beim Nahrungsangebot auf Kontinuität setzt (Reis und Kartoffeln im Wechsel).

Nach dem Abendessen mache ich einen Spaziergang. Ich möchte die Gegend hinter dem Hotel erkunden. Ich werde versuchen den Supermarkt zu finden, den der Mann an der Rezeption mir beschrieben hat. Etwa zehn Minuten zu laufen, linker Hand. Ich laufe los. Die Palmen, die mitten auf den Gehweg gepflanzt sind zwingen mich, auf die Straße auszuweichen. Überall stehen Taxifahrer und warten auf Kundschaft. Über mir der Sternenhimmel. Ich erkenne das Sommerdreieck mit Wega in der Leier, Deneb im Schwan und Atair im Adler. Außerdem Arktur im Bärenhüter, Gemma in der Corona Borealis. Wie heißt noch der rote Stern im Skorpion? Antares glaube ich. Polaris weist den Weg nach Norden. Dorthin wo ich bald wieder verschwinden werde, wenn der Spuk hier ein Ende hat. Der Supermarkt ist nirgends zu sehen. Später werde ich lesen, dass vor Spaziergängen nach Einbruch der Dunkelheit gewarnt wird. Ich bereue nichts.

Mein Kellner ist sehr freundlich. Er nennt mich Chef. Er nennt die anderen Gäste jedoch genauso, das macht es weniger exklusiv. Er ist Muslim, daher beginnt für ihn heute der Ramadan, der islamische Fastenmonat. Von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang darf man weder essen noch trinken. Er fordert mich auf es ihm nachzutun, doch ich lehne dankend ab. Die tropischen Temperaturen sind so schon schwer genug zu ertragen. Außerdem läuft es meiner laizistischen Idealvorstellung zuwider. Mein Reiseführer sagt, Tunesien sei zwar ein islamisches Land, aber in religiöser Hinsicht tolerant. Das freut den Kreuzfahrer in mir. Zum Abendessen trinke ich ein Glas Rotwein.

Das Abendprogramm wiederholt sich jeden Abend. Mehr oder weniger. Den Anfang macht die Kinderdisco. Die Animateure stellen sich mit den Kindern in einen Kreis vor der Bühne. Dann werden zur Musik verschiedene Gesten und Tanzschritte ausgeführt (die CD mit den Kinderhits wird anschließend zum Verkauf angeboten). Zum Abschluss Polonaise. Danach Bingo. Die Zahlen werden in sechs verschiedenen Sprachen vorgelesen. An der Bar bestelle ich mir eine Cola Light. Für All-Inclusive-Gäste gibt es die in spezieller Ausführung: Im 0,2l Plastikbecher, warm!

Sousse

Am vorletzten Tag beschließe ich, einen Ausflug in den Nachbarort Sousse zu machen. Ein bisschen Abenteuer muss schon sein. Zehn tunesische Dinare soll die Taxifahrt dorthin kosten. Mit einem Taxifahrer vor dem Hotel handle ich den Fahrpreis aus. Die Fahrt dauert etwa zwanzig Minuten.

Staatschef Ben Ali lächelt von diversen Plakatwänden. Patriarchalisch und gönnerhaft wirkt er, nicht gerade vertrauenerweckend. Im Nachbarland Libyen feiert Revolutionsführer Gaddafi sich selbst. Fünfzig Millionen Euro soll die Party im kleinen Kreis gekostet haben. Die ukrainische Ministerpräsidentin Julia Timoschenko war angeblich auch unter den Gästen. Ob sie sich beim Anblick der nachgestellten Hinrichtungen am Kaviar verschluckt hat?

Die Altstadt (Medina) entpuppt sich als Touristenfalle. Überall versuchen Händler mich zum Kauf zu überreden. Ein Halbwüchsiger stellt sich mir dreist in den Weg. Ich fühle mich extrem unsicher. Die tropischen Temperaturen, die sengende Sonne und die Angst im Nacken sind keine gute Kombination. Ich laufe an der antiken Stadtmauer entlang bis zu einem Turm. Ein paar Einheimische sitzen am Eingang. Ich bin immer noch sehr nervös. Ich frage, was die Besichtigung des Turmes kostet. Drei Dinare. Einer bietet sich als Führer an. Er ist sehr freundlich und führt mich durch das enge Treppenhaus auf den Turm.

Auf dem Turm ist ein Leuchtfeuer welches ich vom Hotel aus schon gesehen habe. Der Führer macht ein paar Fotos für mich, die Aussicht ist fantastisch. Man sieht die Altstadt mit den engen Gassen umgeben von der Stadtmauer, den Hafen und das Meer. Man sieht die Küste bis nach Monastir. Nach dem Abstieg bedanke ich mich und zahle zehn Dinare. An der Stadtmauer entlang laufe ich zum Hafen hinunter. Dort gibt es einige „Piratenschiffe“, die auf Touristen warten. Ein tunesischer Passant spricht mich an. Er spricht deutsch und fragt mich ob ich ihn erkenne. Er sei der Koch aus meinem Hotel. Diese Masche kenne ich schon und bin gewarnt. Freundlich aber bestimmt verabschiede ich mich und suche nach dem nächsten Taxi. Nur weg von hier. Ein Taxifahrer will mich für zwölf Dinare zurückfahren. Ich willige ein und hoffe, dass er mich zu meinem Hotel bringt. Tatsächlich, er findet das Hotel. Als ich das Wechselgeld zähle, stelle ich fest, dass mich die Rückfahrt fast fünfzehn Dinare gekostet hat. Erschöpft falle ich ins Bett.

Rückreise

Nach dem Aussteigen aus dem Flieger erkenne ich Veränderungen an den Mitreisenden. Am auffälligsten sind die vielen Henna Tattoos. Hals, Unterarm oder Knöchel werden davon verziert. Der Mann vor mir trägt seine jüngst erworbene Wasserpfeife in einer Lidl-Tüte mit sich herum. Das nenne ich kulturelle Integration. Ich habe mal wo gelesen, dass Shisha rauchen zehnmal so schädlich sein soll wie Zigaretten. Aber vielleicht ist das auch nur ein Gerücht. Als Souvenir habe ich Durchfall und Kopfschmerzen mitgebracht.

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